L' Evêque (3716 m) SW-Grat

                                                                                                   

L' Evêque SW-Grat, Südwest-Grat, Nordflanke, Überschreitung, Refuge des Bouquetins,
Der Aufstieg über den SW-Grat und Abstieg über die Nordflanke (Normalweg) ergeben eine lohnenswerte Überschreitung der Evêque.

Auf der Suche nach einer nicht allzu schweren und langen, aber doch etwas fordernden Tour mit schöner Felskletterei und guter Aussicht stiess ich beim Blättern im Tourenführer auf die Überschreitung der Evêque. Dass die Tour nicht besonders populär zu sein scheint und in der mir weniger gut bekannten Region um Arolla liegt, passte ebenfalls gut ins Konzept. So reisen wir am Samstag Vormittag nach Arolla, verpflegen uns ausgiebig mit Sandwiches und marschieren dann bei blauem Himmel und angenehmen Temperaturen los in Richtung Refuge des Bouquetins. Nach wenigen hundert Metern auf der Fahrstrasse erhalten wir überraschend Mitfahrgelegenheit bei einem sympatischen Westschweizer, der auf dem Weg ist, seine Tourenpartner kurz nach der Brücke über La Borgne d' Arolla abzuholen, wo er uns absetzt.

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Der Zustieg zum Refuge des Bouquetins führt über die flache Glescherzunge des Haut Glacier d' Arolla. Im Talabschluss der Mont Brulé.

Nun geht es aus eigener Kraft auf gutem Weg weiter. Der auf der Karte eingezeichnete direkte Hüttenzustieg ist nicht mehr gangbar, so müssen wir einen Umweg und einige extra Höhenmeter über die Plans de Bertol machen. Von dort sehen wir auch schon unser Tagesziel, das Refuge des Bouquetins. Nach dem Wiederabstieg wandern wir auf weiterhin bequemem Weg zur spaltenfreien Zunge des Haut Glacier d' Arolla, und auf diesem aufwärts, bis wir das WC-Häuschen über uns erblicken. Ein roter Pfeil leitet uns dann etwas zu früh und zu direkt hinauf zum Biwak, so dass wir eher mühsam über Geröll und ein steiles Schneefeld aufsteigen müssen. Besser geht man hier noch weiter um den Geröllausläufer herum, wo ein guter Weg zum Biwak hinaufführt. Die Zeitangabe von 3:30 von Arolla zum Biwak empfinden wir als sehr knapp bemessen - vermutlich stammt sie noch aus der Zeit, wo der direkte Zustieg ohne den Umweg über die Plans de Bertol möglich war.

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Vom Refuge des Bouquetins kann man den Gipfel und den Zustieg zum SW-Grat einsehen.

Etwas überrascht stellen wir fest, dass die Hütte schon belegt ist: zwei von Chamonix gestartete, etwas kauzige Belgier  übernachten auch hier. Dank Schlafplätzen im Holzlagerraum kommen wir aber gut aneinander vorbei. Eine Wasserfassung bei der Hütte erspart uns auch das Schneeschmelzen, so haben wir mehr Zeit zum Entspannen. Nach Polenta mit Pilzsauce und viel Salami und eierfreiem Tiramisu geht es dann ins Bett.

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Im Aufstieg zum Col de L' Evêque, hinten die Dent D' Hérens

Um 20 vor 4 klingelt der Wecker, und nach einem kaffeelosen  Frühstück -  leider gibt es auf dem Biwak keine Thermoskanne um Wasser warm zu halten - machen wir uns kurz nach halb fünf auf den Weg. Rasch sind wir unten auf dem Gletscher, und dank gut durchgefrorener Schneedecke geht auf der Aufstieg zum Col de l' Evêque leicht und zügig voran. Der Gletscher ist sehr gut eingeschneit, so dass wir auf Seil und Steigeisen verzichten können. Ein Direktaufstieg zu Punkt 3395 ist allerdings wegen riesigen Wechten nicht möglich, so müssen wir ein paar Meter sehr brüchiges Gelände auf uns nehmen, um die Kuppe bei 3457 m zu überschreiten. Wenig später stehen wir dann aber am Beginn zum Grat.

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Der ungefähre Routenverlauf über den SW-Grat
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Von der Kuppe bei Punkt 3457 kann man Grand Combin und Mont Blanc sehen.

Auch wenn die Bise nicht besonders kräftig bläst, ist es doch unangenehm kalt, und mit drei Jacken und Handschuhen bekleidet klettere ich los. Im Topo ist der Anfang hier mit "leicht" bezeichnet, es kommen aber schon bald ein paar III-er Stellen, wo man auch verklemmte Sicherungsgeräte findet. Danach folgt eine einfachere und flachere Partie im gemischten Gelände, gefolgt von einer ca. 20 m langen Linkstraverse zum Start des eigentlichen Grates. Hier klettert man für 50 m stets leicht rechts haltend auf die Gratkante, wo sich eine grosse Schuppe für einen guten Schlingenstand befindet. Der Fels ist super und bietet viele Möglichkeiten, Sicherungsmittel zu platzieren - um Zeit zu sparen schränke ich den Gebrauch aber weitgehend ein.

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Abwechlsungreiche Kletterei in soliden, griffigen Fels

Anders als im Topo  vom "Hochtouren Topoführer Walliser Alpen"  eingezeichnet kommt jetzt schon die "Schlüsselseillänge", eine schöne Verschneidung mit Riss und anschliessender exponierter Traverse zum Grat - nicht besonders schwierig und gut absicherbar. Der weitere Routenverlauf  ist leicht zu finden und folgt stets der Gratkante. Bis zum Gipfel ist der Fels praktisch immer äusserst solide und bietet gute Risse für kleine und mittlere Cams - ab und zu findet man auch einen Schlaghaken. Mit langen Zackenschlingen können jederzeit absolut zuverlässige Standplätze eingerichtet werden. Die Kletterei ist sehr abwechslungsreich - so muss einmal recht exponiert ein "Pferd" überklettert (oder geritten...) werden. Die darauf folgende Stelle sieht auf den ersten Blick nicht ganz trivial aus, stellt sich dann als einfach heraus, wenn man etwa 2 m plattig auf der Nordseite traversiert und dann wieder zum Grat aufsteigt. Bei Sonne und Windstille muss das der absolute Genuss sein! Bei uns ist das heute anders, so haben wir leider auch keine Sicht auf die Walliser 4000er, als wir etwa um 11 auf dem Gipfel ankommen. Immerhin ist es warm genug für eine längere Pause, und bei den Temperaturen können wir uns dies auch leisten, da wir kein Auftauen der Schneedecke befürchten müssen. 

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Erleichtert, die Spaltenzone erfolgreich umgangen zu haben

Der Abstieg über den Normalweg erfolgt über einen steilen und exponierten Firngrat und anschliessend über Geröll und leichte (II) Felsen hinunter in die vergletscherte Nordflanke. Hier traversieren wir hinüber zu den Felsen bei Punkt 3523 um die grosse Spalte zu umgehen, die sich praktisch über die gesamte Flanke zieht. Ziemlich eindrücklich, die Gletscherwelt hier! Zum Glück liegt perfekter Trittfirn in der steilen Flanke - bei Vereisung oder Nassschnee würde  es hier schnell heikel werden. Es folgt ein flacherer Abschnitt, wo wir ein paar noch gut eingeschneite und aber sehr breite und deutlich sichtbare Spalten umschiffen und zügig unter einer Serac-Abruchzone durchmarschieren. Schon freue ich mich darüber, die Schwierigkeiten hinter uns gelassen zu haben, als uns nochmals eine grosse, offene Spalte den Weg versperrt. Glücklicherweise lässt sich diese dann recht steil aber ohne grossen Umweg umgehen und wir erreichen den flachen und spaltenarmen Bereich des Glacier du Mont Collon.

 

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Zufriedener Blick zurück zum Gipfel

Der Rest der Tour ist dann nur noch Fleisssache. Nach dem steilen Gegenanstieg zum Col des Vignettes geht es unter eindrücklichen Gletscherabbrüchen über den Glacier de Piéce hinab, wo wir endlich Steigeisen und Seil verpacken. Von nun an können wir einem bequemen und schön angelegten Weg folgen. Während die Beine müder werden, wird die Pflanzenwelt vielfältiger; und durch einen lichten Lärchenwald erreichen wir kurz vor 5 den Parkplatz, wo wir uns zufrieden  auf den Heimweg machen.

 

FAZIT: Eine sehr komplette Hochtour mit Kletterei in bestem Fels, eindrücklichen Gletscherbrüchen und Firnflanken. Der Grat lässt sich stets sehr gut absichern und die Wegfindung ist recht offensichtlich. Der Abstieg über den mit WS klassierten Normalweg sollte aber auch bei guten Verhältnissen nicht unterschätzt werden.

Gipfel:           L' Evêque
Route: SW-Grat
Ausgangspunkt:  Refuge des Bouquetins (alternativ: Cab. des Vignettes)
Höhe: 3715 m
Schwierigkeit: ZS+, 4a

Karte/Führer:

 

Hochtouren Topoführer Walliser Alpen, Silbernagel/Wullschleger