Bietschhorn Ostrippe-Westgrat (3934 m)

Mit Matthias                                                                             10/08/2014

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Das Bietschhorn vom Mattertal aus gesehen

Im regnerischen Bergsommer 2014 starten wir unsere Hochtourenferien in der Baltschiederklause, um dem tiefen Schnee auf den höchsten Wallisergipfeln auszuweichen. Nach einen Tag Klettern am Jägihorn und einer kurzen aber interessanten "Schlechtwettertour" aufs Breitlauihorn steht nun die Überschreitung des Bietschhorns an; wir wollen über die Ostrippe auf den Gipfel aufsteigen und über den Westgrat ins Lötschental absteigen. Um 3:40 gehen wir nach Händeschütteln mit der Hüttenwartin von der Baltschiederklause los, die Rucksäcke sind recht schwer, da sie ausser dem für die Tour benötigten Material auch noch ein paar Kilo Keile, Friends und ein zusätzliches Halbseil beinhalten... Dafür stimmt das Wetter, der Himmel ist leicht bewölkt, aber der angesagte Regen bleibt aus. 

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Bietschhorn mit Routenverlauf über die Ostrippe

Der Weg entlang des Jägihorns ist mit Steinmännchen und Katzenaugen bestens markiert. Von der Tour aufs Breitlauihorn am Vortag kennen wir auch den Weg über die Gletscherplatten zum Gletscher gut, das spart uns nun einiges an Zeit. Angeseilt und auf Steigeisen gehen wir um 4:30 in einem weiten Linkbogen über den Üssren Baltschieder- gletscher; es ist immer noch dunkel, was die Wegsuche zwischen den doch zahlreichen und zum Teil breiten und tiefen Längs- und Querspalten erschwert. Der Bergschrund ist dann aber gut zu überwinden. Wegen den guten Schneebedingungen können wir den ersten Teil der Grates auslassen und stapfen steil und anstrengend, dafür zeitsparend die Schneeflanke direkt hinauf bis zur Gratschulter auf 3400 m, wo wir über leichte Felsen auf den Grat der Ostrippe gelangen. 

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Kletterei in zum Teil kompakten Fels auf der Ostrippe

Nun ist es hell geworden und ohne Steigeisen steigen wir auf dem hier sehr festen Grat aufwärts. Wenig später geht die Sonne über den Baltschiederhörner auf, vom starken Südwestwind ist hier nichts zu spüren und wir geniessen die Kraxelei bei angenehmen Temperaturen, hier ist die Tour ein Traum! Der Fels ist am Grat meist recht kompakt, sobald man aber in die Flanke ausweichen muss wir es sofort sehr brüchig. Gleichzeitig mit uns sind auch Bergführer Stefan mit Florian und Markus unterwegs. Wir kommunizieren ständig und nehmen aufeinander Rücksicht, was auch wichtig ist, denn obwohl wir alle sehr vorsichtig klettern, lösen wir hier und da kleinere und grössere Brocken, die bis hinunter auf den Gletscher fallen. Nach dem ersten, leichten Gratteil wird das Gelände etwas steiler und es muss richtig geklettert werden. Es folgt ein brüchiger aber leichter Abschnitt in der Flanke, bis dann ein paar Türme erscheinen, die um- oder überklettert werden. Hier sind auch einige neue Bohrhaken angebracht. Schliesslich wird die Kletterei wieder leichter, und zum Schluss führt ein breiter Blockgrat zum Gipfel.

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Auf dem Gipfel, links der Westgrat, im Hintergrund die Blüemlisalp

Das Gipfelkreuz steht aber nicht hier sondern einige Meter weiter entfernt auf einem etwas niederigen Punkt. Den Grund dafür erfahren wir später von der Hüttenwartin der Bietschhornhütte: der höchste Punkt war zu wenig stabil für das neue, schwere Kreuz. Da wir über den Westgrat absteigen wollen müssen wir sowieso beim Gipfelkreuz vorbei. So steigen wir über den leichten, aber exponierten Grat hinüber, tragen uns ins Gipfelbuch ein und essen ein paar Nüsse und Beeren. Lange pausieren wollen wir nicht, schliesslich ist steht noch ein anspruchsvoller Abstieg an. Nach Montage der Steigeisen gehen wir über den tief verschneiten und immer noch sehr exponierten Gipfelgrat, der sich kurz unterhab des Gipfels in den Nordgrat und den Westgrat teilt. 

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Beim Abstieg über den Westgrat

Über Fels, Eis und Schnee klettern und gehen wir abwärts - an einigen Stellen kann zum Glück an Bohrhaken oder Sauschwänzen gesichert werden, denn der viele Neuschnee erschwert die Kletterei enorm. Besonders heikel sind die Passagen, bei denen man den Grat verlässt und in der Westflanke geht. Bei guten Trittfirn sind diese Stellen zwar exponiert, wohl aber ziemlich angenehm zu gehen. Nun liegt aber ein nasser unverfestigter Schnee der bei jedem Schritt weg zu rutschen droht. Je weiter wir absteigen, desto nasser wird der Schnee und es lösen sich kleine, wasserfallartige Schneerutsche. Sichern ist praktisch unmöglich und uns bleibt nichts anderes übrig, als uns zu konzentrieren und zu versuchen, mit Steigeisen und Pickel im (manchmal) unter dem Schnee liegenden Blankeis Halt zu finden. So sind wir alle froh, als wir (nach einer kurzen Abseilstelle inklusive epischer Seilverknotung...) den schneefreien Teil des Grates erreichen. Hier brauchen wir eine kurze Pause und ein paar Mundvoll zu Essen. 

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Blick zurück zum Gipfel vom unteren Teil des Westgrates

Nun geht es etwas mühsam, aber sicher und relativ leicht über Blöcke und losen Schutt. Die Kraxelei wird immer einfacher, bis wir den breiten Blockgratteil erreichen und die Seile auf dem Rucksack verstauen können. Nach dem Blockgrat erleichtert uns der "Rutschfirn" des Nestgletschers ein Stück des Abstiegs und so gelangen wir nach einer kleinen Gegensteigung recht zügig zum Bietschjoch. Von hier sehen wir - 600 Höhenmeter tiefer - die Bietschhornhütte, unser nächstes Zwischenziel. Mit schon etwas müden Beinen steigen wir auf guten Weg die unzähligen Kehren hinunter zur Hütte. Hier stärken wir uns nun erstmals ausgiebig mit Cola, Bier, Rösti und Kuchen. Es ist schliesslich auch schon halb fünf - wegen den schwierigen Bedingungen beim Abstieg haben wir mindestens eine Stunde mehr gebraucht als bei erwartet. Nach einer netten Unterhaltung mit der Hüttenwartin, die für diesen Tag keine weiteren Gäste erwartet sondern extra für unser Zvieri auf der Hütte geblieben ist, machen wir uns an die weiteren 1100 Höhenmeter Abstieg. Der Hüttenweg nach Ried ist sehr schön und direkt und nach einem Tag in Fels und Eis sticht uns die grüne Farbe des Grases angenehm ins Auge. Die Oberschenkel sind nun aber wirklich müde, die Füsse schmerzen und wir schwitzen extrem. So sind wir froh, endlich in Ried anzukommen, wo wir uns die Wartezeit aufs Postauto bei einem Bier vertreiben und dabei nochmals zum Gipfel hochschauen. Nach einer 40-minütigen Fahrt nach Ausserberg, wo unser Auto steht checken wir im Hotel Bahnhof ein und geniessen Salat Pommes Frites und sehr fein gekochtes Schnitzel bzw. Lammentrecote auf der Hotelterrasse. Es folgt eine wohltuende Dusche, dann sinken wir ins Bett.

Die Bietschhornüberschreitung war unsere erste mit "S" gradierte Tour - die "Schlüsselstelle" war heute aber nicht die Ostrippe, sondern die sehr schwierigen und heiklen Bedingungen im (mit ZS gradierten) Westgrad - einen für uns eindrückliches Beispiel dafür, wie sehr die Bedinungen die Schwierigkeiten einer Tour beinflussen können.

Gipfel:           Bietschhorn
Route: Ostrippe (Aufstieg), Westgrat (Abstieg)
Ausgangspunkt: Baltschiederklause
Höhe: 3934 m
Schwierigkeit: S, 4a

Karte/Führer:       

 

Lötschental 1268/Hochtouren Topoführer Berner Alpen (Silbernagel/Wullschleger)