Zinalrothorn - Nordgrat (4221 m)

Mit Armin                                                                                                       12/07/17

Zinalrothorn, Gabel, Couloir
Beim ersten Versuch 2009 zwang uns ein überraschendes Gewitter morgens um 7:00 in der Gabel zur Umkehr

Schon zweimal musste ich am Zinalrothorn umkehren. Einmal wurden wir um 7:00 morgens in der Gabel von einem Gewitter überrascht: innerhalb von 10 Minuten lagen 10 cm Schnee, die Pickel summten und wir wollten nur noch runter von Berg. Beim zweiten Mal kämpften wir uns durch viel Neuschnee und vereiste Felsen bis kurz nach der Gabel hoch, mussten dann aber kapitulieren, weil die Kletterei über die vereiste Binerplatte mit den steifgefrorenen Handschuhen zu schwierig wurde. Ein drittes Mal sind wir gar nicht erst gestartet, da es über Nacht 40 cm Neuschnee gegeben hatte. Nun aber stehen alle Zeichen gut, es ist stabiles, warmes Wetter ohne relevante vorhergehende Schneefälle angesagt. Nur die vorausgesagten Windböen von bis zu 50 km/h geben mir etwas zu denken...

Zinalrothorn, Nordgrat, Mountethütte, Cabane du Grand Mountet
Nach dem Ausläufer des Mammouth kommt die Hütte ins Blickfeld - es ist nicht mehr weit

Trotzdem guten Mutes reise ich mit meinem Vater Armin nach Zinal, von wo wir bei angenehmen Temperaturen über den interessanten und bequemen Hüttenweg zur Mountethütte aufsteigen. Eine neue Hängebrücke ersetzt die steinschlaggefährdete Galerie. Wie immer bei Hüttenzustiegen wählen wir ein Tempo, bei dem wir gut vorwärts kommen, aber am nächsten Tag keine Ermüdung spüren. So kommen wir inklusive einer 20-minütigen Pause nach knapp 4h zur Hütte. Wir richten uns ein, planen die Tour und geniessen um 18:30 ein hervorragendes Essen bestehend aus Gemüsesuppe mit Brotcrôutons, Rüblisalat mit Mais und Rosinen, Kräuterrisotto mit Speck und Käse und Schoggicrème zum Dessert. Überraschenderweise sind wir die einzigen mit dem Rothorn als Ziel. Die meisten anderen Hüttengäste machen einen Kurs und wollen es gemütlich angehen, so herrscht eine angenehm entspannte Stimmung. 

Zinalrothorn, Nordgrat, Südgrat, Mountet
Das Zinalrothorn von Westen mit dem Nordgrat (links) und dem Rothorngrat (rechts)

Nach einer ruhigen Nacht zu dritt in einem 14er Schlag frühstücken wir gemütlich und gehen kurz nach halb fünf los. Es ist eine sternenklare, relativ warme Nacht und dank des noch fast vollen Mondes sieht man schon die Umrisse der Berge. Über einen guten Weg und zuletzt über Felsblöcke kommen wir zum Mountet-Gletscher, wo wir anseilen und die Steigeisen montieren. Nun ist auch die Stirnlampe überflüssig, die Spitzen von Dent Blanche und Obergabelhorn beginnen rot zu leuchten - was für eine Umgebung! Ich mache viele Fotos, obwohl ich weiss, dass diese niemals einzufangen vermögen, was sich uns hier gerade bietet!

Zinalrothorn, Nordgrat, Mountet Gletscher, Dent Blanche
Fantastische Stimmung beim Erreichen des Gletschers - die Dent Blanche im Morgenlicht
Zinalrothorn, Nordgrat, Mountet, Wellenkuppe, Obergabelhorn, Dent d'Hérens, Pointe de Zinal, Dent Blanche
Auf dem Mountetgletscher, im Hintergrund Wellenkuppe, Obergabelhorn, Dent d'Hérens, Pointe de Zinal und Dent Blanche

Auf dem Gletscher treffen wir trotz hohen Temperaturen auf angenehmen Trittfirn - nur selten einmal brechen wir ein. Erschreckend aber, wie ausgeapert es dieses Jahr schon ist! Ein paar riesige Spalten umgehend kommen wir zum noch gut eingeschneiten Bergschrund und steigen problemlos zur Arête du Blanc auf, wo sich der Wind nun zum erstem Mal bemerkbar macht. 

 

Zinalrothorn, Nordgrat, Mountet, Arête du Blanc, Blanc du Moming d'Hérens, Pointe de Zinal, Dent Blanche
Am Ende der Arête du Blanc, im Hintergrund der Blanc du Moming

Zum Glück liegt eine gute windgeschütze Spur in Aufstiegsrichtung rechts von der Gratkante. Nur eine kurze Blankeisstelle und ein steiler Aufschwung kurz vor Erreichen des Felsgrates fordern etwas Konzentration. Nun sind wir aber so richtig dem Wind ausgesetzt! Ich ziehe zusätzlich zur Softshelljacke noch zwei Daunenjacken und eine Coretexjacke an und nach schnellem Verdrücken einer Nusstorte klettern wir auch gleich los. Die Kletterei beginnte mit einer kurzen kniffligen und steilen Stelle, danach folgt leichte Kraxelei hinauf zur Épaule, wo wir endlich in die Sonne und ab und zu auch auf die etwas windgeschütztere Ostseite kommen. Hier bietet sich eine fantastische Sicht aufs Weisshorn und vom Dom über Monterosa bis zum Matterhorn. Landschaftlich lässt sich die Zinalrothorntour wohl kaum überbieten.

Zinalrothorn, Nordgrat, Mountet, Rasoir
Eine absteigende Seilschaft auf dem Rasoir

Beim ersten Gendarmen wird die Kletterei etwas schwieriger. Oben ist eine Abseilstelle - es lässt es sich hier aber auch gut abklettern. Laut Topo könnte man diesen Felsturm auch östlich umgehen. 

 

Zinalrothorn, Nordgrat
Schöne, exponierte Kletterei an bestem Fels!
Zinalrothorn, Nordgrat, Mountet, Rasoir
Nach dem Rasoir

Die Routenfindung ist eigentlich einfach, aber just in diesem Moment kommen uns zwei Bergsteiger im Abstieg entgegen, was mich dazu verleitet, dort aufzusteigen, von wo sie hinabgekommen waren. Als die Kletterei immer steiler und schwieriger wird, komme ich zum Schluss, das diese Routenwahl wohl nur im Abstieg genommen wird und die Haken, die ich angesteuert habe, eine Abseilstelle sind. So klettere ich etwas umständlich wieder zurück auf den Grat und zögere dort etwas verunsichert, als es etwas schwieriger wird. Obwohl unten, wo es einfach ist, Bohrhacken stecken, hat es nämlich hier keine mehr. Es lassen sich hier gut ein paar Cams setzen, aber durch das plötzliche Fehlen von Haken bin ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob es wirklich hier durch geht. Nach Ausziehen der Steigeisen ist die Stelle dann aber leicht, und oben angekommen merken wir, dass wir richtig, nämlich auf dem Rasoir sind - fantastisch, diese scharfe Kante!

Zinalrothorn, Nordgrat, Mountet, Bosse
Bosse, die letzte schwierige Stelle vor dem Gipfel

Nun geht es wieder einfacher, die Sphinx westlich in der Flanke umgehend weiter. Hier sind trotz Bohrhaken ein paar Cams ganz angenehm. Der Wind bläst immer noch kräftig, aber dank den hohen Temperaturen lässt es sich aushalten. Immer wieder aber müssen wir mit dem Gleichgewicht kämpfen, der Wind drückt hart an das gespannte Seil. Bei der Bosse wechseln wir auf Standplatz-sicherung und klettern in drei schönen, unschwierigen Seillängen hinauf. Nun geht es leicht in gemischtem Gelände zum Gipfel. Einigermassen windgeschützt machen wir hier eine ausgiebigere Pause. 

Zinalrothorn, Nordgrat, Gipfel
Gut eingepackt auf dem Gipfel

Wegen den unterdessen aufgekommenen Thermikwolken ist der uns unbekannte Abstieg in die Gabel nicht ganz einfach zu finden, und auch das mehrmalige Abseilen braucht Zeit - unter anderem, weil der Wind die Seilenden um alle möglichen und unmöglichen Zacken weht, von wo wir sie wieder befreien müssen. Zum Glück kennen wir die Abseilstellen im Couloir, so kommen wir dort zügiger voran. Nach einer etwas heiklen Stelle vom Couloir hinaus in die Flanke wird das Gelände einfache und nach erneutem Abseilen erreichen wir den Schneegrat des Südostgrates. Hier gibt es eine erneute Pause, bevor wir weiter absteigen.

Zinalrothorn, Normalweg, SE-Grat, Südostgrat, Kanzel, Gabel, Couloir
Blick zurück zu Gipfel, Kanzel, Gabel und Couloir (das Bild stammt von unserem Versuch im September 2015)

Der Schnee ist schon ziemlich weich - ab und zu sinkt man hüfttief ein. So sind wir froh, die Felsbänder zu erreichen. Allerdings müssen wir nochmals ein Firnfeld queren. Dabei merken wir nach einigen Schritten, dass unter dem Schnee Blankeis liegt. So gehen wir nochmals zurück um Steigeisen zu montieren. Gerade jetzt am Ende einer langen Tour ist es wichtig, nicht zu hasten und sich die nötige Zeit zu nehmen um den Abstieg sicher zu gestalten, denn das Gelände ist immer noch abschüssig und Ausrutschen tabu. 

Zinalrothorn, Rothornhütte
Morgenstimmung auf der Rothornhütte

Über Felsstufen gelangen wir dann endlich zum Wasserloch und nach einer "grusigen", nassen Abseilfahrt stehen wir auf dem Rothorngletscher. Das Seil ist so nass, dass ich mir nochmals die Coretexjacke anziehe um es über meinen Schultern aufzunehmen (zu Hause muss es dann gleich in die Badewanne!). Über angenehmen Rutschfirn, Blockgelände und einen Weg gelangen wir rasch zur Rothornhütte. Da es schon spät ist, beschliessen wir, dort zu übernachten und geniessen - wie immer auf der Rothornhütte - ein feines Abendessen (Flädlisuppe, Risotto, Ratatouille, Schweinsvoressen) und ein wohlverdientes Bier. Am nächsten Tag steigen wir dann bei herrlichem Wetter nach Zermatt ab und lassen die tolle Tour nachklingen.

Gipfel:            Zinalrothorn
Route: Aufstieg Nordgrat, Abstieg Normalweg (Südostgrat)
Ausgangspunkt: Cabane du Grand Mountet
Höhe: 4221 m
Schwierigkeit: ZS, III

Karte/Führer:

Hochtouren Topoführer Walliser Alpen (Silbernagel/Wullschleger)