Hiendertelltihorn Ostgrat (3179 m)

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Hiendertelltihorn mit ungefährem Routenverlauf: Aufstieg über den Ostgrat, Abstieg über den Südgrat (von rechts nach links)

Wir arbeiten noch bis Freitag Mittag und fahren kurz um 12:45 los zum Hotel Handeck am Grimselpass. Wie schön, der aktuellen Hitze zu entfliehen, und was für ein Luxus für uns in der Schweiz, die Berge so nahe zu haben! Gemütlich steigen wir auf gutem Weg zur Ärlenalp auf, und von dort in steilen Kehren zum Gruebeseewli, welches einen Abfluss in den Grimselsee besitzt, der Ausbrüche wie sie 1921 und 1942 geschehen sind, verhindern soll. Vom Ostende des Sees hat man gute Einsicht auf unsere morgiges Ziel; ausserdem gibt es hier noch Mobilnetz - Gelegenheit, ein letztes Mal den Gewitterradar zu checken!

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Die sehr gut ausgerüstete Gruebenhütte ist Ausgangspunkt für interessante Touren abseits des Mainstreams. Das Biwak (unten rechts) wurde zum Boulderraum umfunktioniert.

Wir folgen dem Weg, der am südlichen Ufer des See durchführt und zielen dann, den Bach überquerend, auf die blau-weissen Markierung zu. Diese führen uns zur 200 Höhenmeter höher gelegenen Gruebenhütte, welche wir trotz sehr gemütlichem Tempo und einigen Pausen kurz vor halb sieben erreichen. Neben uns ist noch eine Dreiergruppe des DAV dort, so haben wir viel Platz auf der gut ausgerüsteten Hütte. Nach Spaghetti Aglio-Olio-Peperoncino-Salami und viel Schokolade kochen wir Wasser für den nächsten Tag, statten dem Boulderraum (!) einen Besuch ab und geniessen die nachgewitterliche Bergstimmung.

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Das abendliche Gewitter hat sich verzogen.
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Guter Firn und problemloser Übergang zu den Felsen am Einstieg zum Ostgrat

Nach Müsli und Kaffee geht es am nächsten Morgen um 5:15 noch im Dunkeln los; der Weg über das Felsplateau nördlich der Hütte ist aber dank den vielen Steinmännchen gut zu finden und später sowieso offensichtlich. Dank gutem Trittfirn können wir uns die Steigeisen sparen und brauchen nur für die letzten steilen Metern den Pickel. So kommen wir - obwohl wir recht langsam gehen - nach etwas mehr als einer Stunde zum Einstieg. Während wir uns zum Klettern bereitmachen geht um 6:50 die Sonne auf und wärmt den Fels. Was für ein Timing!

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Perfektes Timing - Sonnenaufgang am Einstieg zum Ostgrat
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Terrasse am Ende der zweiten Seillänge

Die untersten Passagen der ersten Seillänge sind naturgemäss etwas brüchig, sonst aber geniesst man relativ steile Kletterei und coole Moves an guten Griffen. Beim Schlussaufschwung muss dann schon mal etwas zugepackt werden! Es folgt eine 50 Meter lange Traverse in leichtem Gelände mit Stand auf einer riesigen Terrasse.

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Die dritte Seillänge ist klar die schwierigste und fordert Kletterei im 5. Grad

Die dritte Seillänge ist in neueren Topos als Schlüsselseillänge eingezeichnet und mit 5a gradiert. Dies trifft es gut, denn 2-3 Stellen sind hier deutlich schwerer als in den übrigen Längen. Anders als im Topo aufgeführt ist die Seillänge aber nur 25 m und nicht 35 m lang. Die schwierigen Stellen sind mit neuen Bohrhaken abgesichert, jedoch zwingend zu klettern. Die nachfolgende vierte Seillänge ist sehr schön und flüssig  zu klettern, mit grossen Rissen und Schuppen. Wie überall am Grat ist der Fels meist stabil, es gibt aber immer wieder auch lose Schuppen. Nun geht es leichter weiter, dafür ist die Wegführung weniger klar bzw. es gibt hier viele Varianten. So finden wir den Schlaghaken in der sechsten Seillängen nicht, kommen aber auch trotzdem zum Punkt, wo die Tour über die Südwandrippe abzweigen würde und sind somit (wieder) auf der Route.

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Gehgelände? Hier sind wir wohl etwas von der Route abgekommen...

Gemäss Führer folgt nun - abgesehen von einer kurzen 3a Länge -Gehgelände, deshalb gehen wir seilfrei weiter. Irgendwann finden wir uns aber ziemlich lange in Kletterei im oberen 3. Grad wieder - vermutlich sind wir hier von der Route abgekommen. Wir fühlen uns aber immer noch wohl genug, um seilfrei weiter zu klettern - absichern hätte man hier sowieso kaum können. Trotzdem sind wir froh, als das Gelände dann einfacher wird und wir kurz nach 12 zum Gipfel kommen.

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Blick zurück zum Gipfel. Die Spalten auf dem Gröebengletscher sind gut erkennbar.

Hier geniessen wir die Aussicht auf Finsteraarhorn, Lauteraarhorn, Schreckhorn etc. und machen ausgiebig Rast. Der Abstieg über den Südgrat ist im oberen Teil nicht ganz offensichtlich und wegen dem sehr brüchigen Fels auch nicht besonders vergnüglich, geht dann  aber doch recht zügig voran. Da das Couloir auf den Gröebengletscher fast vollständig ausgeapert ist, seilen wir dreimal 25 m ab. Der weitere Abstieg über den Gletscher ist dann problemlos und lässt sich so gehen, wie ich das vorausgeplant hatte, auch wenn wir uns sicherheitshalber anseilen.

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Ziegenherde auf der Aerlenalp

Unten beim Gruebeseewli gönnen wir uns eine längere Pause und kühlen die Füsse im wirklich sehr kalten See, bevor wir zur Aerlenalp absteigen. Hier macht uns eine vorwitzige Ziegenherde das Wasser am Brunnen streitig, lässt sich dann aber mit Streicheln besänftigen ;-). Weiter geht es nun auf gutem Weg - die unzähligen Heidelbeeren, die man hier aus dem Gehen heraus pflücken kann versüssen uns den Abstieg. Kurz vor halb sechs kommen wir wieder zum Parkplatz, wo wir uns im Beizli bei der Schaukäserei ein kaltes Bier gönnen, bevor wir uns auf die Heimreise machen.

Fazit: Endlich habe ich es einmal in den Gruebenkessel geschafft (und eigentlich auch nur als Ersatztour, da das Wetter für grössere Touren zu instabil war) - er hat nicht enttäuscht. Wer schöne Touren abseits des Mainstream sucht, wird hier fündig (neben uns war nur eine weitere Seilschaft unterwegs).

Gipfel:            Hiendertelltihorn
Route: Ostgrat (Ostsporn)
Ausgangspunkt:  Gruebenhütte
Höhe: 3179 m
Schwierigkeit: S, 5a

Karte/Führer:

Hochtouren Topoführer Berner Alpen (topoverlag)

Ausrüstung:

Gletscherausrüstung, Zackenschlingen, 5-6 Schnapper, Cams 0.3-2