Mit Eva 08/03/26

Schon seit einiger Zeit steht der Galletgrat am Mont Dolent auf unserer (nicht gerade kleinen) Wunschliste. Nach einer längeren Phase mit hoher Lawinengefahr stimmen nun endlich Wetter- und Lawinensituation. Über die Bedingungen in der Route wissen wir zwar nichts Konkretes, die Zeichen für passende Verhältnisse stehen aber gut. Zur Mittagszeit laufen wir bei grosser Wärme in La Fouly los und steigen vorerst sanft durch die Combe des Fonds auf. Wir wählen bewusst ein sehr gemütliches Tempo, um uns für den kommenden Tag zu schonen. Die Rucksäcke sind schwer beladen; neben Gletscher-, Eis- und Felssicherungsmaterial ist einiges für die Übernachtung mitzuschleppen, denn das Bivouac du Dolent hat weder Heiz- noch Kochmöglichkeit.

Auf etwa 2200 m verlassen wir den Normalweg nach Westen und steigen über die Reuses du Dolent in Richtung Biwak auf, wo wir auf eine Spur treffen. Anhand der Stockabdrücke versuche ich abzuschätzen, wieviel Leute hier bereits lang gegangen sind und möglicherweise die begrenzten Schlafplätze belegen. Als wir um halb drei das Biwak erreichen, stellen wir jedoch überrascht fest, dass wir allein sind. Der Rest des Nachmittags vergeht mit Kleider und Felle trocken, Schnee schmelzen, kochen, essen und chillen.

Nach einem Tütenznacht kriechen wir – in alle Kleiderschichten eingepackt – früh unter die Wolldecken. Als wir am nächsten Tag um halb sechs losgehen, ist die Schneeoberfläche hart gefroren. Leider verzieht sich der helle Mond just beim Loslaufen hinter dem Petit Grépilon, was die Orientierung in dem hügeligen Gelände erschwert. In den Routenbeschrieben ist ein Aufstieg am nördlichen Rand des Glacier du Dolent verzeichnet, aber da der Gletscher hier steil und zerklüftet wirkt, beschliessen wir, auf einer Höhe von 2900 nach Süden zu queren, wo wir eine Spur vermuten.
Tatsächlich treffen wir auf eine Aufstiegspur, der wir durch den gut eingeschneiten, aber doch spaltenreichen Gletscher folgen können. Allerdings muss die Spur bei bereits leicht aufgesulzten Verhältnissen angelegt worden sein – sie ist nämlich ordentlich steil. Nun ist die Schneeoberfläche hartgefroren und glatt. Die Fell- und Spitzkehrtechnik muss also sitzen, wenn man nicht ausrutschen und in eine Gletscherspalte sausen will. Aufgrund dieser Gesamtverhältnisse steigen wir unangeseilt über den Gletscher auf und kommen trotz gemütlichem Tempo gut voran.
Auf einer Höhe von 3400 überqueren wir erst mit Ski, dann zu Fuss die stellenweise weit offenen Bergschründe – die vorhandenen Spuren ersparen uns dabei die Sucherei nach einem gangbaren Weg. Nach einer Querung oberhalb des Schrundes erreichen wir die steile Flanke. Die Tritte sind für meine kurzen Beine teils recht gross und manchmal zugeweht, der Schnee oftmals locker, und mit aufgebundenen Ski drückt mein Rucksack ordentlich. Auch das Seil ist noch drin, so bin ich froh, dass Eva die Spurarbeit übernimmt.
Schliesslich erreichen wir auf etwa 3660 m den Grat. Nun enden die Spuren endgültig, unsere Vorgänger sind von hier über die Aufstiegsroute abgerutscht/abgefahren. Wir folgen dem Grat und seilen uns an, um eine kurze Mixedstelle zu überwinden. Diese stellt sich zwar als wenig schwierig heraus, ein Ausrutscher würde hier jedoch gut 1000 Höhenmeter weiter unten enden; zudem sind wir nicht sicher, ob wir im weiteren Verlauf noch auf Blankeis stossen würden.
Das Eis können wir dann leicht in einem Mix aus guten Trittfirn und losem Pulverschnee umgehen. Zuletzt halten wir uns knapp rechts des Grates, wobei ein paar Mixedpassagen überwunden werden müssen. Im ersten Moment empfinde ich diese als etwas lästig, da wir uns schon auf dem Gipfel wähnten, aber eigentlich sind die Stellen ziemlich cool. Auch wenn sie uns nicht vor grössere Herausforderungen stellen, sind wir froh, etwas Felssicherungsmaterial dabei zu haben, denn nicht immer ist ersichtlich, was sich unter dem Pulverschnee verbirgt und wie fest die Felszacken sind.

Nach einer etwas steileren Passage stehe ich unverhofft auf dem Gipfel – was für ein toller Ausstieg! Die letzten paar hundert Meter haben uns etwas Zeit gekostet, aber wir sind immer noch früh dran und geniessen die fantastische Sicht auf die nahen Gipfel des Mont-Blanc-Gebiets. Wegen dem zügigen Wind steigen wir jedoch nach Verstauen des nicht mehr nötigen Materials bald über den Normalweg ab und gönnen uns vor Beginn der Abfahrt auf etwa 3600 m eine ausgiebige Pause.
Leider ist die Schneeoberfläche vom Vortag recht verfahren und und noch nicht richtig aufgesulzt – dies in Kombination mit müden Beinen, schweren Säcken und Leichtski macht die Abfahrt eher zur Pflicht als zum Vergnügen. Besser als zu Fuss zu gehen ist es aber allemal, und so kommen wir müde aber zufrieden in La Fouly an. Nach der üblichen Bier-und-Kaffee-Kombination in der Sonne machen wir uns an den Heimweg.
Bei guten Bedingungen und tollem Wetter allein auf diese äusserst abwechslungsreichen Tour unterwegs zu sein – man hätte es nicht besser treffen können. Danke Eva für die tollen Tage!
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