Mit Holmger 02/05/2026

Fürs verlängerte Wochenende steht uns der Sinn nach etwas Alpinem. Die Charlet-Bettembourg an der Aiguille du Chardonnet scheint uns eine gute Wahl, da wir erstens aus verschiedenen Quellen von sehr guten Bedingungen wissen, zweitens noch nie auf diesem Berg waren und drittens endlich mal gutes Wetter, Zeit und freie Plätze auf dem Refuge Albert I zusammenfallen. Eine Gelegenheit, die es zu nutzen gilt! Kurz nach 13:00 kommen wir in Le Tour an, wo wir noch einen Gratis-Parkplatz unterhalb der offiziellen Parkplätze ergattern. Wir verteilen das gemeinsame Material (für jeden 3,2 kg ;-)), binden Ski und Skitourenschuhe auf die Rucksäcke und marschieren los. Erst über eine sanfte Wiese dann auf dem steilen, mit Kraxelpassagen gespickten Wanderweg steigen wir so kraftsparend wie möglich aufwärts.
Auf etwa 2000 m können wir schliesslich auf die Ski wechseln, und über die sehr nasse aber kompakte Oberfläche geht es angenehm bis zur Hütte, wo wir die Sachen zum trocknen ausbreiten und mit Getränken auf die Sonnenterrasse setzen.
Zu unserer Überraschung sind auch unsere Freunde Diego und Xavier hier, die ebenfalls die Charlet-Bettembourg klettern möchten. Etwas weniger erfreulich ist, dass gemäss Hüttenwart insgesamt zwölf Personen das selbe Ziel haben. Nach einem Blick ins Topo finden wir aber mit der Goulotte Escarra einen guten Plan B. Da diese Route exakt den selben Zustieg kann, wollen wir uns je nach Andrang spontan für eine der beiden Routen entscheiden.
Nach einem ausgezeichneten Nachtessen gehen wir früh schlafen. Als wir um 4:00 Uhr aufstehen, haben schon alle übrigen Bergsteiger in unserem Zimmer ihre Betten verlassen. Wir geniessen das üppige Frühstücksbuffet so gut es unser Appetit zulässt, und starten um 4:50 in die klare Nacht. Wieder bin ich froh um die Entscheidung für Ski, denn auch wenn die Oberfläche gut trägt, sind wir deutlich schneller als die Tourengänger, die zu Fuss unterwegs sind. Der fast volle Mond und die Abstiegsspur vom Vortag helfen uns bei der Orientierung.

Erst flach, dann ziemlich steil geht es aufwärts. Dank der rauen Oberfläche brauchen wir aber keine Harscheisen. Der Gletscher ist gut eingeschneit, dennoch ist Vorsicht bei der Routenwahl gefordert, es tun sich einige grosse Löcher auf. Wir kommen gut voran, Holmger drückt aufs Tempo und ich versuche zu folgen. Wir überholen eine Dreierseilschaft und kommen nach 1:45 beim Skidepot an, wo sich zu unserer Überraschung noch immer die beiden eine Stunde früher gestarteten Seilschaften aufhalten. Ich hatte gehofft, sie wären bereits weit oben im Couli und wir hätten freie Bahn... Beide Seilschaften, eine davon eine Dreierseilschaft, wollen in die Charlet-Bettembourg einsteigen, so entscheiden wir uns für die Escarra, ebenso wie auch die Dreierseilschaft Robin, Éléa und Thomas, die nach uns folgt.
Der Bergschrund, an dem sich die beiden Routen teilen, lässt sich einfach überwinden, auch wenn ich mit meiner Hand meinen Fuss hochheben muss. In gemischtem Gelände und teilweise etwas unangenehm losem Neuschnee gehen wir simultan aufwärts (unser Topo am Ende des Textes). Da wir nach dem Schneefall die Ersten sind, ist die Orientierung im unteren Teil nicht ganz einfach. Wir gehen kurz etwas zu weit nach links, finden dann aber die Querung nach rechts zum richtigen Couloir, welches die Schlüsselseillänge (WI4, 85°) bildet.
Im unteren Teil dieser Länge ist das Eis dick genug, dass verlässlich kurze Schrauben gesetzt werden können. Im oberen Teil sind sowohl Dicke, wie auch Qualität des Eises weniger verlässlich, aber trotz etwas Sprödigkeit ganz gut zu klettern, zumal natürlich gebildete Mulden gute Fusstritte bilden. Dennoch – die Kletterei ist ziemlich lang und anhaltend und geht Holmger auf die Waden und mir auf die Unterarme. Alles in allem sind die Bedingungen aber sehr gut – ohne eine durchgehende Eisauflage wäre diese Länge wohl eher unangenehm. Etwas links oberhalb des Ausstiegs auf der schmalen Rinne befindet sich ein Standplatz aus Schlingen. Wir grinsen uns breit an – das hat unglaublich Spass gemacht!
Nun gehen wir wieder simultan weiter, Schneestapferei wechselt sie ab mit leichten Eispassagen, die Wegfindung ist offensichtlich. Schwierig ist hier nicht die Kletterei, sondern die Absicherung, denn nur wenige Felsen eignen sich für Zackenschlingen und Cams und das Eis ist zu dünn für zuverlässige Schrauben. Als ich kaum noch Material habe, finde ich schliesslich finde schliesslich einen Standplatz und übergebe wieder an Holmger. Beim Nachfolgen kriege ich plötzlich einen ordentlichen Stein auf den Kopf ab – vermutlich ausgelöst von Leuten auf dem Grat. Zum Glück passiert nicht viel, nach zehn Minuten lassen Kopfschmerzen und Übelkeit nach – den Helm muss ich allerdings ersetzen...
Am Ende des Couloirs auf einer Art Col befindet sich eine gute Standplatzmöglichkeit und wir erreichen die Sonne. Hier öffnet der Blick zum benachbarten Migotpfeiler, auf den man nun problemlos ausweichen könnte, was aber schade wäre, denn die Escarra bietet ein schönes, etwa 50 Meter langes und 60° steiles Eiscouloir, das in unmittelbarer Nähe des Gipfels endet und die Linie so elegant macht.

Oben angekommen deponieren wir das Seil und gehen die wenigen Meter hoch zum Gipfel. Was für eine tolle Aussicht hier, insbesondere auf die Aiguille Verte! Wir machen eine kurze Pause und in dem Moment kommen auch Diego und Xavier von der Charlet-Bettembourg. Später erreicht auch die Seilschaft hinter uns den Gipfel und wir machen uns an den Abstieg über den Grat und die teilweise steile Flanke zu den Abseilstellen. Hier entsteht eine kurze Wartezeit, was bei den angenehmen Temperaturen in der Sonne aber nicht tragisch ist. Es gäbe auch noch eine zweite Abseilpiste, von der wurde aber abgeraten.
Mit unserem 60 m Einfachseil müssen wir hier viermal abseilen und zwischendurch auch ein bisschen abklettern. Zwei Seile oder eine Rapline wären zum Abseilen sicher praktisch, allerdings hätte das auch mehr Gewicht bedeutet. Wir steigen weiter ab bis zu einer Abseilstelle am Fels, an der über den Bergschrund zum Skidepot abgeseilt kann, wobei wir uns mit der nachfolgenden Seilschaft zusammenschliessen, da hier zweimal 60 m Seil notwendig sind. Später sehen wir, dass man auch einfach über den Schrund hätte springen können.
Wir ziehen die Felle ab, packen die Sachen zusammen und fahren zuerst durch Styropor-Schnee, dann über etwas krustigen Pressschnee und schliesslich in tollem Sulz hinunter zur Hütte, wobei wir die kurze apere Gegensteigung zu Fuss überwinden. Bei Getränken und Omelette Complete tauschen uns ausführlich mit Diego und Xavier über unsere Touren aus.
Nun wartet noch die Abfahrt respektive der Abstieg ins Tal. Am südlichen Rand des Glacier du Tour hätte man fast bis Le Tour fahren können, jedoch ist es zu dieser Jahreszeit nicht mehr möglich, den Gletscher unterhalb der Hütte zu queren – wir hätten also nochmals aufsteigen müssen. So entscheiden wir uns über die Aufstiegsroute abzufahren und gehen die letzten 500 Höhenmeter zu Fuss . Mit dem Gepäck zwar anstrengend, aber auch keine grosse Sache. Unten angekommen freuen wir uns über die tolle Tour, und da es erst Samstag ist auf unseren morgigen Ruhetag in Chamonix.
| Gipfel: | Aiguille du Chardonnet |
| Route: | Goulotte Escarra |
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Ausgangspunkt: |
Refuge Albert I |
| Höhe: | 3825 m |
| Schwierigkeit: | S+, WI4, 80-90° |
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Führer: |
Rockfax Chamonix (Charlie Boscoe, Jack Geldard) |
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Unser Material:
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Gletscherausrüstung, 60 m Einfachseil, je 2 Eisgeräte, 9 Eisschrauben (v.a. kurze), Cams 0,3-1, ein paar Keile, Schlingen |