Mit Dušan 18-19/04/2026

Für unsere erste gemeinsame alpine Tour sind wir bezüglich Ziel relativ offen, es soll aber etwas alpinistisch Spannendes abseits der Massen werden. Einzige Einschränkung ist die Tatsache, dass uns nur der Samstag zur Verfügung steht, weil sich am Sonntag bereits wieder ein Schlechtwetterfenster abzeichnet. Die Wahl fällt schliesslich auf das Aletschhorn über die Haslerrippe, gestartet mit der ersten Bahn aufs Jungfraujoch und mit einen Biwak im Abstieg, um der Nassschnee-Lawinengefahr auszuweichen. Eine Tour mit schwerem Rucksack und Biwak kommt mir als Vorbereitung für grössere Projekte sowieso gelegen.

Nach einer angenehmen Fahrt ohne viele Touristen starten wir um neun Uhr in die Abfahrt. Die Schneeoberfläche ist ziemlich hart und rumplig und mit schweren Sack und Leichtski kein Vergnügen. Beim Konkordiaplatz angekommen, ziehen wir einige Kleiderschichten aus, seilen uns an und machen uns an den Zustieg zur Wand. Schon hier wird klar, dass im oberen Teil der Haslerrippe mehr Eis frei liegt als erwartet. Es scheint aber, als könne man die meisten blanken Stellen umgehen. Dennoch bereue ich es ein bisschen, dass wir auf eher leichte Ausrüstung gesetzt haben, mit je einem Eisgerät und einen Leichtpickel, normalen Tourensteigeisen, sechs Schrauben und einem 30 m Gletscherseil.

Bis etwa 3100 m können wir mit Ski aufsteigen, dann geht es zu Fuss weiter. Ich beginne mit spuren und merke sofort – das wird anstrengend: ein Deckel, den man durchstossen muss, darunter lockerer Pulverschnee, und das mit dem schweren Rucksack. Immer wieder schaue ich auf die Höhenangabe meiner Uhr: 150 Höhenmeter will ich schaffen, bevor ich an Dušan übergebe. Wir wechseln uns ab, später gehe ich wieder voraus, bis ich bereits auf ca. 3300 m die ersten blanken Stellen unter meinen Steigeisen spüre.

Ab jetzt geht Dušan voraus, da er im Eis routinierter ist als ich. Anfangs treffen wir nur sporadisch auf hartes Eis, zwischendurch liegt wieder guter Trittfirn, so können wir vorerst noch simultan gehen, mit jeweils mindestens einer Eisschraube zwischen uns. Je höher wir kommen, desto härter und spröder wird das Eis, so dass wir schliesslich auf Standplatzsicherung wechseln.
Mit nur sechs Eisschrauben und einem 30 m Seil braucht dies natürlich viel Zeit, zudem verkommen unsere Leichtpickel bei dieser Eisqualität zunehmend zu Spielzeugen, die höchstens noch der Balance dienen. Für die letzten Längen gebe ich Dušan mein Eisgerät, ich bin froh, dass er vorsteigt, wir sind nun beide etwas müde im Kopf.
Kurz vor 17:00 Uhr stehen wir schliesslich auf dem Grat und können nach vielen Stunden durchpowern endlich etwas essen, trinken und ein paar warme Schichten anziehen. Es war am Ende nämlich kalt geworden – den schweren Rucksack in der Wand auszuziehen war uns jedoch zu umständlich gewesen.
Schliesslich gehe ich über den verschneiten Grat aufwärts. Auch hier sinkt man tief ein; weiterhin sind weder alte und neue Spuren vorhanden. Als der Grat breiter wird, können wir endlich wieder in die Skibindung steigen.



Nach Umgehen einer Spalte wird der Hang steiler; es ist bald 18:00 Uhr. Ich schaue nochmals auf die Karte, um zu sehen, an welchen Orten sich überall Biwakplätze finden lassen, denn um unseren ursprünglich geplanten Übernachtungsort zu erreichen, würde die Zeit ganz schön knapp werden. Da der Weiterweg auch eher kompliziert aussieht – mit diversen Bergschründen und Blankeisstellen –entschliessen wir uns, auf 3870 m unser Biwak zu errichten – lieber jetzt, wo wir noch viel Zeit haben und fit sind.


Wir schaufeln eine kleine Höhle, um uns vor dem Wind zu schützen – der Schnee eignet sich dazu hervorragend. Ich schlafe jedoch lieber draussen, so habe ich zudem die Möglichkeit, im Schlafsack liegend Wasser zu kochen. Der Appetit hält sich in Grenzen, ich kriege jedoch fast die ganze Tüte selbst gemachter Dryfood-Pasta-all'arrabbiata runter. Wie immer vergeht die Zeit mit Schnee Schmelzen und Kochen schnell, und um 8:30 sind wir bereit für die Nacht. Mit Daunenhose, warmem Schlafsack und robusten Biwaksack ist die Isolation zwar super, mein Körper generiert aber nicht mehr genug Wärme, um es angenehm warm zu haben. Ich akzeptiere, dass ich nicht viel schlafen werde – es geht ja sowieso vor allem darum, die Nacht gut zu überstehen. Als ich das dichte Sternennetz am Himmel sehe, kommt ein Gefühl von Zufriedenheit auf. Was für ein Privileg, hier sein zu können! Später am Abend schrecken uns blinkende Lichter auf – ein entferntes Wetterleuchten. Am unangenehmsten ist der Wind, der uns immer wieder Schnee ins Gesicht fegt.

Auch wenn ich gefühlt gar nicht schlafe, geht die Nacht doch schnell vorbei und als ich zum ersten Mal auf die Uhr schaue, ist es fünf Uhr. Ich checke den Wetterbericht – der Internetempfang ist hier hervorragend. Prognostiziert ist ein niederschlagfreies Fenster bis etwa halb acht, anschliessend Schlechtwetter bis Mittag, dann zunehmend schöner. Abwarten oder losgehen? Ich entscheide mich für ersteres und beginne, Wasser zu kochen. Nach dem Frühstück im Schlafsack packen wir zusammen. Biwaksäcke, Schlafsäcke, Aussenschuhe, Rucksäcke – alles ist voll Schnee! Die gefrorenen Riemen an Rucksack, Klettergurt und Steigeisen erschweren das Bereitmachen zusätzlich. Um halb sieben machen wir uns auf den Weiterweg.

Da sich das Gelände bald aufsteilen würde, gehen wir direkt zu Fuss weiter. Die Sicht ist sehr schlecht, es öffnen sich jedoch immer wieder kurze Sichtfenster, die das Planen des Routenverlaufs erlauben. Langsam arbeite ich mich durch den Pressschnee. Einen ersten kleinen Bergschrund überwinde ich auf den Knien, um das Gewicht möglichst zu verteilen. Wir versuchen, mit einer Rechtsschleife den Blankeisstellen und dem steilen Bergschrund ausweichend den Gratrücken zu erreichen. Das Gelände fällt aber immer steiler nach Norden ab, und bei der schlechten Sicht ist mir das zu heikel. Nach einer kurzen Besprechung steigt Dušan geradlinig hoch. Tatsächlich lässt sich der von unten gross wirkende Bergschrund dort mit einer Eisschraube abgesichert relativ einfach überwinden: Pickel hoch einschlagen und rüber ziehen – so macht das fast Spass ;-). Wir kletterten eine weitere Seillänge im Eis und gelangen schliesslich auf den Grat.

Im hier offenen Gelände und ist die Orientierung schwierig, zudem kann uns das GPS nicht genau lokalisieren. Nach Gefühl spure ich durch den tiefen Schnee, die Beine werden richtig schwer. Ich höre kurz in mich hinein, um herauszufinden, wie fit ich noch bin. Ist es vielleicht besser, uns hier einzugraben, bevor wir völlig erschöpft sind? Nein, es ist nur meine Oberschenkelmuskulatur, die müde ist, sonst fühle ich mich noch gut. Schliesslich erahnte ich oberhalb von mir einen Gletscherabbruch und ziele auf dessen nördliches Ende zu, wo wir tatsächlich den felsigen Nordwestgrat des Aletschhorns erreichen. Dieser wäre eigentlich ganz hübsch: gemischtes Gelände mit einfacher Kraxelei in stabilem Fels und schönen Firnschneiden. Wir sind aber zu müde, um es zu geniessen. Oft rutsche ich mit dem Po über den Grat, da ich meinen Beinen nicht mehr vertraue. Kurz vor halb 10 erscheint das Gipfelkreuz und wir können in die Arme schliessen. Sogar die Sonne drückt kurz durch – höchste Zeit für eine Verpflegungspause.

Den Abstieg über den Normalweg hatte ich von unserer Tour vor ziemlich genau fünf Jahren als relativ einfach in Erinnerung. Heute liegt aber deutlich weniger Schnee, es muss viel abgeklettert werden – mit den Ski auf dem Rücken ist dies immer etwas mühsam. Ein paar schwierige Stellen seilen wir sogar ab, was dank den in jeweils 15 m Distanz platzierten Eisenstangen problemlos geht. Unverhofft kommen uns zwei Bergsteigerinnen entgegen, mit denen wir ein paar Worte wechseln. Das Gelände wird schliesslich leichter, ein paar vereiste Stellen erfordern dennoch Konzentration. Schliesslich kommen wir zum Skidepot, die Wolken haben sich soweit verzogen, dass die Abfahrtspuren leicht zu erkennen sind und wir wissen – jetzt sind wir safe.

Wir gönnen uns eine Pause, zum ersten Mal seit etwa 16 Stunden ist mir wieder warm. Der Schnee in der Abfahrt ist anfangs hart und wegen den alten Spuren rumplig, aber bald erreichen wir Sulz können es trotz müden Beinen und schwerem Sack geniessen. Als es flacher wird, gleiten wir mit Doppelstock und Skatingschritten über den Oberaletschgletscher. Anschliessend wechseln sich Fahr-, Trage-, und Aufstiegspassagen ab, bis wir schliesslich die Belalp erreichen. Schon glauben wir, es geschafft zu haben, da stellt sich heraus, dass die Bahn nur noch unter der Woche fährt, jedoch nicht men am Wochenende ...

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die verbleibenden 700 Höhenmeter mit dem schweren Sack ins Tal abzusteigen. Mal auf dem Strässchen, mal auf dem steilen Wanderweg geht die Zeit aber erstaunlich rasch vorbei. Erst auf den letzten 200 Höhenmetern beginnen meine Füsse richtig stark zu brennen. "Du gehst nicht mehr wie ein Mensch", meint Dušan ... Endlich erreichen wir die Bushaltestelle in Blatten. Die halbe Stunde Wartezeit ist perfekt, um mit einem Bier auf die Tour anzustossen. Wow, das hat richtig gefordert! Aber jeder hat seinen Teil zum Gelingen beigetragen, und dank den gleichen Ansichten bezüglich Sicherheitstrategie und Taktik habe ich mich trotz Ernsthaftigkeit immer sicher gefühlt. Vielen Dank für das tolle Abenteuer!
| Gipfel: | Aletschhorn |
| Route: | Haslerrippe |
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Ausgangspunkt: |
Jungfraujoch, alternativ Konkordiahütte oder Hollandiahütte |
| Höhe: | 4194 m |
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Karte: |