Tödi (3614 m)

25/03/17

Skitour, Tödi, Tagestour, Tödi an einem Tag, Tierfehd
Start im Stirnlampenlicht

Freitag Abend - Feierabend. Nach Konsultation der Webseiten von Meteoblue, SLF und Swisstopo entscheiden wir, am kommenden Tag den Tödi als Tagestour anzugehen - schon lange eine Wunschtour von uns. Schnell wird noch Pasta gekocht, Proviant bereit gemacht und Rucksäcke gepackt, dann geht es bald ab ins Bett, schliesslich heisst es um 2:10 wieder tagwach. Nach einem Espresso - das Frühstück verschieben wir auf später - fahren wir kurz nach halb 3 los und kommen kurz vor 4:00 in Tierfehd an, wo sich noch weitere Tourengänger auf den Weg machen. Neben uns nehmen an diesem Tag noch zwei Zweiergruppen-, ein Dreiergruppe und 2 sehr zügige Einzelgänger den Tödi von Tierfehd in Angriff, etwa gleich viele Leute gehen von der Fridolinhütte aus. Nach Müesli bzw. Honigbroten geht es zu Fuss los. Im Gegensatz zu anderen Tourengängern haben wir auf Bikes verzichtet und ich bin froh darum, denn der Weg ist steil und Biken mit dem ganzen Gepäck hätte mich zu viel Kraft gekostet. Allerdings bereue ich es, dass ich mir nicht die Zeit genommen hatte, die Ski aufzubinden, dann hätte ich mit den Stöcken mitarbeiten können.

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Fehlende Brücken erfordern kleine Umwege durch das Bachbett

Es ist warm und ich beginne mich zu fragen, wie lange wir wohl zu Fuss gehen müssen, in den letzten Tagen hatte es ja bis hoch hinauf geregnet. Doch bald zeigen sich am Rand des Strässchens ordentliche Schneemauern - hier muss geräumt worden sein. Und tatsächlich kommen wir nach etwa einer halben Stunde ab Parkplatz zu einer Brücke (1042 m) bei der mit der Schneeräumung aufgehört worden war, und wir können mit den Ski auf nassem aber festem und schnellem Schnee weitergehen. Da die Brücken noch fehlen müssen wir jeweils durchs  Bachbett, was aber problemlos geht und nur einmal Ski abschnallen verlangt. 

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Über den Lawinenkegel beim Hüttenwald geht es aufwärts - in der Dämmerung lässt sich die Distanz zum Gipfel erahnen

Eine einzige längere Tragpassage müssen wir zwischen Vorder- und Hinter-sand auf uns nehmen. Danach geht es endlich aufwärts. Der Lawinenkegel beim Hüttenwald ist deutlich weniger mühsam als er aussieht, denn die runden Schneekugel sind relativ weich  und griffig; ausserdem wurde eine gute Spur angelegt. Durch das anschliessende Waldstück folgen wir mehr oder weniger dem Wanderweg, wobei wir noch einmal kurz die Ski tragen müssen. Nun wird es wieder flacher - Zeit etwas zu essen und zu trinken, schliesslich sind wir schon über 2 Stunden unterwegs.

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Blick Richtung Tentiwang
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Aufstiegspur Richtung Fridolinshütte (fotografiert während der Abfahrt über die östliche Normalroute) - diese Routenwahl sollte nur bei sehr sicheren Verhältnissen gewählt werden.

Um die Steilstufe Tentiwang zu überwinden steuern wir die linke Talseite an - dies ist auf der Karte so beschrieben. Wir müssen aber bald merken, dass wir über den riesigen Lawinenkegel nur sehr mühsam vorwärts kommen und schliessen uns deshalb den vor uns gehenden Tourengängern an, die eine Variante rechts des Baches wählen. Die steile Spur ist sehr gut angelegt, aber das Gelände äusserst steil und mit Lawinenkegeln und Felsen durchsetzt. Bei den momentanen Verhältnissen und der frühen Tageszeit ist diese Route sicher vertretbar - hoffentlich wählen aber die Tourengänger die am Nachmittag zu Hütte aufsteigen einen anderen Weg. 

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In rot die beiden empfohlenen Routen, blau unsere Route
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Oberhalb des 1. Gletscherbruchs, im Hintergrund der 2. Gletscherbruch und rechts davon die Schneerus, das steile Couloir das wir für die Abfahrt wählen.

An der Fridolinshütte vorbei kommen wir auf ein Plateau, wo wir erstmals mit dem starken Föhn Bekanntschaft machen. Nun müssen wir wieder ein paar Höhenmeter vernichten. Eher mühsam und unelegant "fahren" wir mit den Fellen an den Ski im windgepressten Schnee auf den Gletscher ab. Hier gibt es nochmals Essen und trinken und wir ziehen den Gletschergurt an, lassen das Seil aber noch im Rucksack. Es ist 8:00 und wir haben etwa die Hälfte der Tour hinter uns, der Zeitplan passt also. Wir umgehen den ersten Gletscherabbruch auf der linken Seite. Obwohl wir fast zu den vor uns gehenden Gruppen aufgeschlossen haben, ist deren Spur von den Windböen schon wieder fast zugeweht. Manchmal ist der Wind so stark, dass ich stillstehe, aber immer wieder mal ist es auch windstill. So kommen wir trotzdem unkompliziert zum zweiten Gletscherbruch. Da es eine gute Spur durch die Abbrüche gibt, entschliessen wir uns für diese Routenwahl. Alternativ könnte man hier auch rechts davon durch das Couloir Schneerus hinaufsteigen, was uns aber bei diesem Schnee deutlich anstrengender scheint.

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Routenverlauf um den 1. Gletscherbruch und durch den 2. Gletscherbruch
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Am Ende des 2. Gletscherbruchs, die ärgste Bruchzone liegt nun hinter uns.

Etwa in der Hälfte der Abbruchzone binden wir die Ski auf und montieren die Steigeisen - bei dem blauen Blankeis heute absolut notwendig,  ein Ausrutscher hier würde in einer Gletscherspalte enden. So aber haben wir guten Grip und ich muss nur gegen den Wind um mein Gleichgewicht kämpfen. Im Zickzack und teilweise steil steigen wir durch die eindrückliche Gletscherwelt auf bis es flacher wird und wir wieder auf die Ski wechseln können. Nach einer kurzen Essenspause und Anseilen gehen wir mit schon etwas müden Beine weiter - gut 2000 Höhenmeter sind nun überwunden. Der Wind legt zu und macht das Gehen am Seil noch mühsamer als es sowieso schon ist. Zudem mache ich mir etwas Sorgen wegen der Kälte, weil mir eine Windböe meine heiss geliebte Daunenjacke weggefegt hatte :-(. Zwischendurch ist es aber auch windstill, so dass wir anhalten und dringend benötigte Energie in Form von Nusstorten nachschieben können.

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Nach den 2. Bruch wird der Gletscher flacher und lässt Zeit, die Landschaft zu geniessen.

Unschwer aber landschaftlich sehr schön geht es weiter, und bald können wir unseren Gipfel erkennen. Auch wenn ich mich konditionell noch super fühle, merken  meine Oberschenkeln, dass ich dieses Jahr bisher nur  zwei kurze Skitouren unternommen habe. Langlaufen ist halt muskulär nicht ganz dasselbe wie Skitouren... Aber weit ist es nicht mehr, nach einem flachen Stück folgt der letzte Anstieg zum Skidepot. Dort ist der Wind nun orkanartig - so was habe ich noch nie erlebt. Ich kämpfe minutenlang mit dem linken Ärmel meiner Coretexjacke und meine Sonnenbrille fliegt mir davon - zum Glück wird sie von einer Tourengängerin gerettet. Herzlichen Dank nochmals! Zu Fuss gehen wir die wenigen Metern zum Gipfel, den wir kurz vor 12 erreichen - und auch gleich wieder verlassen. Zurück beim Skidepot ziehen wir mit weissen Flecken im Gesicht die Felle ab und stopfen sie in den Rucksack - ich versuche gar nicht erst, sie ordentlich zusammen zu falten...

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Weiter unten bläst der Wind weniger stark und die Abfahrt lässt sich geniessen.
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"Steil ist geil" in der Schneerus. Wenn nur die Beine noch frisch wären...

Unverzüglich und für meine Verhältnisse sehr schnell fahre ich los - der Schnee ist leicht gepresst aber überraschend gut, teilweise ein richtiger Genuss! Trotz müden Beinen halte ich erst weit unten wieder an. für die weitere Abfahrt zielen wir nun nicht den Gletscherbruch, sondern die Schneerus an. Das Couloir ist wirklich steil und stellenweise sehr schmal, aber der Schnee perfekt: kompakt und pulvrig. Einfach genial! Nur sehen kann man nicht viel vor lauter Schnee, der vom Wind und den eigenen Schwüngen die Rinne runter rutscht. Unten am Couloir traversieren über die flache Stelle zwischen den Gletscherbrüchen und suchen noch kurz und leider vergeblich nach meiner Jacke, die ich beim Aufstieg noch hier liegen gesehen hatte. Aber nun werfen uns die Böen fast zu Boden - es ist Zeit, hier wegzukommen. An der Spaltenzone vorbei halten wir uns in Abfahtsrichtung rechts und bleiben auch bei der Tentiwang auf dieser Seite. Wieder einmal haben wir Glück und können gut gewählten Spuren durch die felsige Zone folgen. 

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Blick zurück zum Tödimassiv mit Glarner Tödi (links) und Sandgipfel (rechts). Den Gipfel (Piz Russein) sieht man von hier nicht.

Nun geht es etwas mühsam aber weniger schlimm als erwartet über den riesigen Lawinenkegel und sumpfige Hänge hinunter zum Bifertenbach. Mit etwas Stockeinsatz gleiten wir über die Ebene, an deren Ende wir auf einem Stein eine ausgiebigere Pause machen. Hier ist es endlich wieder einigermassen windstill. Die weitere Abfahrt ist dann kein Genuss, jedoch auch nicht allzu mühsam, auch wenn es schon ein paar Gehpassagen mehr gibt als beim Aufstieg. Um viertel nach 3 sind wir beim Auto, wo wir unseren Füssen frische Luft gönnen und ein Sack Chips geniessen bevor es dann wieder nach Hause geht. Abgesehen vom Wind war es eine perfekte Tour und wohl eine der abwechslungsreichsten, die ich bisher gemacht hatte. Und das erst noch praktisch von der Haustür und in einem Tag machbar!

Gipfel:         Tödi
Route: Normalroute von Tierfehd
Ausgangspunkt: Tierfehd
Höhe: 3614 m
Schwierigkeit: S+
Höhenmeter: ca. 2900 m
Material: Skitouren- und Gletscherausrüstung inkl. Steigeisen

Führer:

SAC Führer "Die schönsten Skitouren der Schweiz"