Piz Scerscen (3971 m)

Mit Armin                                                                                                                                                                                                                      20/07/20

Piz Scerscen, Eisnase, Piz Umur, Bergsteigen, Engadin, Pontresina, Roseg, Tschierva
Ungefährer Routenverlauf im Auf- und Abstieg. Diesmal sind wir den Piz Umur westlich umgangen, beim letzten Mal östlich.

Für meinen Vater, der das Berninagebiet wie seine Hosentasche kennt, ist der Piz Scerscen noch die letzte grosse Unbekannte hier. Ich hingegen kenne den Piz Scerscen schon von der  Piz Scerscen - Piz Bernina-Überschreitung, die ich 2015 unternommen habe. Damals hätte ich es mir allerdings nicht vorstellen können, über die selbe Route wieder abzusteigen - insbesondere nicht über die Eisnase. In der Zwischenzeit ist die Eisnase aber weiter geschwunden und meine Fähigkeiten in Fels und Eis sind deutlich gewachsen. Als wir dann noch von optimalen Bedingungen vernehmen, beschliessen wir, die Tour gemeinsam zu unternehmen und wandern von Pontresina Muragls gemütlich in 3.5 h zur Tschiervahütte. Die Stimmung ist unerwartet entspannt - coronabedingt gibt es viel Platz auf der Hütte. Nach einem gutem Nachtessen gehen wir früh zu Bett und verbringen eine ruhige Nacht.

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Nächtliche Kraxelei am Ausläufer des Piz Umur - einfach aber abschüssig.

Auch beim  Frühstück um 3:00 ist wenig von der erwarteten Biancograthektik zu spüren. Um 3:30 marschieren wir bei warmen Temperaturen los. Nach etwa hundert Metern wählt ungefähr die Hälfte der Bergsteiger den Weg zum Biancograt, während wir mit den übrigen Seilschaften, die zum Piz Roseg wollen, in Richtung des blanken Arm des Vadret da Tschierva absteigen.  Obwohl das Eis etwas rutschig ist, brauchen wir keine Steigeisen und finden den Weg über die flache und spaltenarme Zone zum Ausläufer des Piz Umur problemlos. Zuerst über Geröll, dann auf gutem Pfad steigen wir steil und anstrengend aber effizient auf, und nach leichter Kraxelei entlang des Felsriegels stehen wir kurz vor 5:00 beim westlichen Ausläufer des Vadret da Tschierva, wo wir uns anseilen und Steigeisen montieren.

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Im Aufstieg über den Vadret da Tschierva erwacht ein herrlicher Tag. Die Seilschaft hinter uns steuert auf den Eselsgrat am Piz Roseg zu.
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Gleich wird geklettert! Die Seilschaft vor uns macht sich gerade an die letzte schwere Seillänge des ersten Felsteils.

Über perfekten Trittschnee steigen wir auf, die wenigen Randspalten sind gut sichtbar und nur kaum offen. Stirnlampenlicht oben beim Einstieg auf den Felsgrat verrät uns, dass wir heute nicht die einzigen am Berg sind. Der Schlussanstieg zum Sattel bei Punkt 3278 m ist zwar ordentlich steil, aber bei den Verhältnissen problemlos. Um 5:45 erreichen wir den Einstieg zum Grat und machen uns für die Kletterei bereit. 

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Teilweise steile Kletterei in Hochgebirgsumgebung im unteren Felsteil.

Gemäss unserem Topo besteht der erste Felsaufschwung aus drei Seillängen (jeweils 4c/-V). Wir klettern sie wegen der besseren Seilführung in vier Längen, wobei die erste einfach ist, aber wegen dem äusserst brüchigen Fels doch viel Vorsicht verlangt. Die 2. Länge verläuft dann in gutem Fels, welcher allerdings relativ wenig Reibung aufweist. Sie startet mit einem kniffligen,  griffarmen Aufschwung und endet exponiert aber einfacher auf dem Grat. Es folgt leichtere Genusskletterei bis zur 4. Seillänge. Diese beginnt mit einer steilen Verschneidung, die aber dank guten Tritten und Verspreizmöglichkeiten weniger anstrengend ist als sie aussieht - richtig lässige Kletterei ist das! Nach einer abdrängenden Traverse nach rechts muss dann aber ordentlich zugepackt werden, bevor man den Abseilstand und somit das Ende des ersten Felsteils erreicht. Dank zahlreichen neuen Bohrhaken und Abseilständen lässt sich die Kletterei sehr sicher gestalten und die Orientierung ist kein Problem. Ein paar Schlingen und mittlere Cams sind aber trotzdem hilfreich.

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Im Verbindungstück zwischen den beiden Felsabschnitten - oben wartet schon die Eisnase.
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Genusskletterei im oberen Felsteil - hier kommt man zügig voran.

Dank tiefen Tritten im Verbindungsstück zum zweiten Felsabschnitt können wir hier darauf verzichten, Steigeisen zu montieren und sparen so etwas Zeit. Der zweite Felsabschnitt ist dann zwar länger, aber auch deutlich einfacher als der erste - schätzungsweise erreichen  2-3 Stellen den unteren 4. Schwierigkeitsgrad. So können wir meist simultan gehen und kommen gut voran. Auch hier ist wieder insbesondere bei den ersten Metern wegen losem Fels Vorsicht geboten, anschliessend bietet der Fels viele genussvolle Kletterbewegungen. Um 8:30 erreichen wir die Eisnase und machen kurz Pause. Es ist nun doch eher frisch und wir freuen uns, dass uns bald die Sonne erreichen wird.

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Bei der Eisnase angekommen erreicht uns um 8:30 die Sonne.
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Perfekte Bedingungen in der Eisnase (Foto: A. Bürgler)

Die Bedingungen in der ca.  60 m langen Eisnase sind perfekt: eine gute Trittfirnspur mit einer kurzen Blankeisstelle im unteren Bereich. Das Eis ist hier aber äusserst griffig und perfekt, um eine Eisschraube zu setzen. Kurz bevor das Gelände wieder flach wird, haben Vorgänger durch Wegschaufeln des darüberliegenden Firns eine weitere Stelle zur Eisschraubensicherung geschafft - danke! Am gestreckten 50 m Seil gehend steckt so immer mindestens eine Schraube zwischen uns, die einen Seilschaftsabsturz verhindern würde. Richtig steil ist es auch nicht, vermutlich maximal noch  40-45°. 

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Nach der Eisnase

Nun folgt ein gutes Stück Fleissarbeit. Obwohl weiterhin angenehmer Trittschnee liegt, spüren wir allmählich eine gewisse Müdigkeit in den Beinen, die Rucksäcke sind ob dem ganzen Fels- und Eismaterial nicht ganz leicht heute. Die fantastische Berglandschaft und das strahlende Wetter lenkt uns jedoch ab und wir kommen effizient voran. Der gut angelegten Spur folgend umgehen wir einige grosse Spalten und klettern an geeigneten Stellen problemlos über kleinere.

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Der weitere Weg bis zum Gipfel (Foto: A. Bürgler)
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Steiles Gelände bis zum Grat

Im Schlussaufstieg zum Grat wird es nochmals ziemlich steil - wohl steiler als in der Eisnase selbst. Der Firn ist aber weiterhin super, sowohl Steigeisen wie auch Pickel beissen sich ohne Krafteinsatz fest. Sichern kann man hier allerdings nicht, es muss einfach jeder Schritt sitzen. Oben am Grat angekommen  erinnere ich mich, dass der Übergang auf den Fels beim letzten Mal etwas knifflig war. Intuitiv folge ich daher diesmal Spuren, die südlich um den ersten Aufschwung herum ziehen, anstatt jenen, die direkt vom Grat auf den Fels zu gehen. Und siehe da - das Gelände ist einfach und bietet Platz zum Sitzen. Hier treffen wir auch die beiden netten Jungs, die vor uns aufgestiegen sind und nun soeben vom Gipfel herunter kommen. Von ihnen erfahren wir, dass bis zum Gipfel weder Steigeisen noch Pickel notwendig sind und deponieren diese sowie unserer Rucksäcke hier.

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Die letzten Meter zum Gipfel - im Hintergrund Piz Morteratsch (links) und Piz Bernina (rechts).

Nach einer kurzen Pause an der Sonne und Füllen unserer Trinkflaschen mit Schnee steigen wir weiter zum Gipfel. Die Felsen sind im unteren Teil etwas brüchig, die Kletterei ist aber nie schwierig, so dass wir simultan gehen können. Um 10:20 erreichen wir den Gipfel - was für eine Aussicht! In der gesamten Berninagruppe sind Bergsteiger unterwegs und profitieren von den ausgezeichneten Bedingungen.

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Einmalige Sicht vom Gipfel auf Piz Palü, Piz Bellavista, Piz Zupo, Piz Argient, Piz Crast'Agüzza und die Marco e Rosa Hütte. Während ich noch nicht auf dem Argient war, "fehlt" meinem Vater noch der Crast'Agüzza (Foto: A. Bürgler).
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Problemloser Abstieg über die Eisnase - Abalakovfädler und lange Eisschrauben können im Rucksack bleiben.

Nach einer kurzen Gipfelrast klettern wir wieder ab, machen bei den Rucksäcken nochmals Ess- und Trinkpause und steigen anschliessend über den steilen Firnhang aufs Gletscherplateau ab, was leichter geht als erwartet. Zügig kommen wir zur Eisnase. Hier steigen wir wieder - an den beiden blanken Stellen mit Eisschrauben sichernd - simultan ab.

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Abklettern über den oberen Felsteil

Im oberen Felsabschnitt klettern wir unter Benutzung einiger Zwischensicherungen ebenfalls wieder meist simultan. Es gibt hier zwar immer wieder die Möglichkeit, an  fixem Material abzuseilen, aber das wäre auf dem oft flachen und schmalen Grat mühsam. Der Seilerste kann aber bei den etwas schwereren Stellen problemlos abgelassen werden und das Abklettern ist nie besonders schwierig, auch wenn ich merke, dass ich allmählich etwas müde werde im Kopf und mich bewusst konzentrieren muss.

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Abseilen über den unteren Felsteil - eingezeichnet ist die Aufstiegsroute sowie die beiden Abseilstellen, die wir benutzt haben. Eine weitere befindet weiter unten am Grat (Foto: A. Bürgler).

Vorsichtig steigen wir wieder ohne Steigeisen über den unterdessen schon ziemlich aufgeweichten Schnee im Zwischenstück und erreichen die erste Abseilstelle zuoberst am unteren Felsuafschwung. Mit zwei 50m Seilen (oder einer Rapline) könnte man hier direkt auf den Gletscher abseilen. Mit einem 50 m Seil lösen wir das so, indem mein Vater am Einzelstrang ganz nach unten abseilt und ich anschliessend den ersten Zwischenstand benutze, von welchem ich zwar nicht ganz bis zum Gletscher komme, aber bis zu einem Felsband, von welchem ich leicht auf diesen abklettern kann.

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Im Abstieg über den Geröllausläufer des Piz Umur. Die Schwierigkeiten sind vorbei, bis zur Hütte (weisses Dach in Bildmitte) und nach Pontresina ist es aber noch ein gutes Stück (Foto: A. Bürgler).

Nun sind die Schwierigkeiten endgültig vorbei und wir steigen über den westlichen Gletscherarm und den Fels- und Geröllausläufer des Piz Umur zum östlichen Gletscherarm ab und erreichen  nach einer kleinen Gegensteigung kurz nach 16:30 die Tschiervahütte. Hier gönnen wir uns nochmals eine gute Pause mit Bier, Most, Cola und ein paar Snacks aus dem Rucksack. Als wir kurz vor 19:00 Uhr beim Restaurant Roseg ankommen, fährt leider kein Pferdeomnibus mehr, so müssen wir auch die restlichen Kilometer durchs Rosegtal unter die eigenen Füsse nehmen. Aber die Freude und der Stolz über die so gut gelungene Tour und die Vorfreude auf ein feines Essen von und mit meiner Mutter lassen die schmerzenden Füsse und den schweren Rucksack vergessen. Danke Armin für dieses weitere schöne Erlebnis in deiner zweiten Heimat!


Gipfel:            Piz Scerscen 
Route: Eisnase
Ausgangspunkt:  Tschiervahütte
Höhe: 3971 m 
Schwierigkeit: S, -V, 45°

Material:

 

Mind. 50 m Seil, 4-6 Exen, 2-3 mittlere Cams, Zackenschlingen; je nach Eisverhältnissen 2 Eisgeräte und genügend Eisschrauben
Karte/Führer: Piz Bernina 1277/Hochtouren Topoführer Bünder Alpen